Humor – Urdorn im Auge des deutschen Musik-Feuilletons. Dabei haben große Künstler wie Zappa, The Residents, Eugen Chadbourn, They Might Be Giants doch längst bewiesen, wie grundfalsch die Annahme ist, das Gute Schöne Wahre vertrüge keinen Witz . Schon Aristoteles nannte den Humor die edelste Tugend des Menschen, weil er einzig ihm, dem Menschen, zukommt. Selbst der übellaunige Schopenhauer musste gestehen: Humor ist, wenn das "Erfahrene mit dem Erwarteten nicht übereinstimmt" – und damit ein von Grund auf kreativer Wesenszug. Sigmund Freud erkannte das Lachen als den "reinigenden Faktor" im Menschen.
Und obwohl gerade die griechische Komödie – seit Jahrtausenden Anhalt für Literatur und Theater (von Goethe bis Brecht) – unstrittige Referenz der okzidentalen Künste ist, findet der Humor im deutschen Musik-Feuilleton keinen fruchtbaren Boden. Dies gilt auch und vielleicht noch mehr für die so genannte Indie-Musik-Szene. Gerade Independent-Künstler und assoziierte Zeitschriften scheinen zum Lachen partout in den berühmten Keller zu gehen. In der Selbstdefinition junger Musikintellektueller hat die Ironie des Lebens nur sehr selten Platz. Vielleicht ist es ja das ständige "Sich-Beweisen-Müssen", der Kampf ernst genommen zu werden, der gerade dem Independent das Lachen verbietet?! Man schaue sich nur die vielen Bandfotos an, wie bemüht sie sind, durch verklärt künstlerisches bis latent übellauniges Dreinschauen Relevanz zu heischen. Die Idee des Künstlers als anhaltend Oppositionellem, der an der Welt leidet und zu Grunde geht, ist der Schick der Stunde. Und wenn dann der Erfolg eintritt und die Opposition zur Welt selbst unter größter Anstrengung nicht mehr glaubwürdig ist, dann tritt man in Opposition zu sich selbst – schießt sich die Birne mit einer Schrotflinte weg oder versackt in Drogenexzessen. Dabei hätte ein wenig Selbstdistanz das Gröbste verhindert. Ein Lachen.
Wer das Label für den toleranten Stoiker kennt, weiß, dass Hazelwood schon immer ein Ohr für das Andere, das Abseitige, das Aberwitzige besitzt. Die Grenzen des gesunden Menschenverstandes auszuloten, hier und da gar zu überschreiten, ist uns ein Anliegen. Dass das im Allgemeinen gerade in deutschen Landen (wie oben beschrieben) nicht gut ankommt, wissen wir. Dennoch leisten wir uns hin und wieder Platten, die es gar nicht geben dürfte, von Künstlern, die es gar nicht geben dürfte und freuen uns wie die Diebe nach einem erfolgreichen Raubzug, dass wir uns das leisten können – und immer noch wollen!
Friendly Rich and The Lollipop People
Richard Marsella aka Friendly Rich lebt als Komponist in Brampton, Kanada. Herr Rich komponiert zahlreiche Musiken für Film und Fernsehen, so auch für die bekannte Tom Green-MTV-Late Night-Show. Seit 1994 veröffentlicht Herr Rich erfolgreich auf seinem eigenen Plattenlabel The Pumpkin Pie Corporation. Die bis dato 9 Langspielplatten von Herrn Rich erfuhren stets breite Aufmerksamkeit im kanadischen Rundfunk und Fernsehen. CBC sendete gleich 6 Dokumentationen über das musikalische Treiben des Enfant Terrible. Herr Rich ist zudem Gründer des Brampton-Indie-Arts-Festivals, dass er alljährlich im Rose Theatre in Downton Brampton veranstaltet. Herr Dr. Rich graduierte an der Universität von Toronto in den Fachbereichen Instrumentenbau und Musik-Paraden-Pädagogik. Herr Rich gehört zu der sehr seltenen Gattung von Künstlern, die jederzeit in der Lage sind ein durchschnittliches, vernunftbegabtes Konzertpublikum in eine Soiree des Wahnsinns zu verwandeln. Zu diesem Zweck hat Herr Rich eine beachtliche Anzahl konspirativer Musiker um sich geschart – Die Lollipop People. Harfe, Akkordeon, Piano, Cembalo, Banjo, Fagott, Posaune, Klarinette, Cello, Kontrabass bilden neben diversen Schlaginstrumenten das mehr an ein Orchester, denn an eine Pop-Band erinnernde Instrumentarium der Friendly Rich Show. Nach "We Need A New F-Word" ist "Dinosaur Power" das zweite Album in Zusammenarbeit mit Hazelwood Vinyl Plastics. Bereits 2008 flog Hazelwood den kanadischen Wahnsinn für 10 Konzerte nach Europa ein. Wer einem der Konzerte beigewohnt hat, weiß wovon die Rede ist. Im März 2009 gastiert die Friendly Rich-Show zum zweiten Mal, für diesmal 14 Konzerte, in Deutschland und Österreich.
Friendly Rich and The Lollipop People / Dinosaur Power (Hazelwood / Indigo)
Zwischen Tradition und Postmoderne, zwischen Cartoon und Varieté, zwischen Avantgarde und blankem Wahnsinn, stecken Herr Rich und die Lollipop-Menschen das paramusikalische Koordinatensystem nur für Verrückte. Mit einem Dinosaurier-Kraftakt hievt Herr Rich die Musikwelt aus den rostigen Angeln und konstruiert sie neu. Dass der getriebenen Künstlerseele bei solch revolutionärem Tun nichts heilig seien will, nichts heilig seien darf, ist am Ende eine Frage der Moral. Den Avant-Symphoniker beschleicht beim Hören das Gefühl, da einst, in einer fernen Zeit, einer kritischen Retrospektive über die musikalischen Verwachsungen des Menschen im spätkapitalistischen Zeitalter zu lauschen. (Zugegeben: Das gelingt nur wenigen ohne wirklich harte Drogen.) Aber so ist das mit der Ewigkeit, in ein paar hundert Jahren wird das utopische Singspiel des Herrn Rich, ähnlich wie die griechische Komödie im Heute, weniger Komik besitzen, als die Schwermut der guten erdigen Rock'n'Roller in ihren albernen Anzügen, weniger Witz, als die vertonte Humorlosigkeit der Independent-Protagonisten zwischen Oma-Tapeten und Stehlampen, weniger Albernheit bergen, als das spätpubertäre Gehopse der Superstars und Supersternchen. Wetten?!
Release: 20.03.2009 (Hazelwood Vinyl Plastics / Indigo)
FRIENDLY RICH AND THE LOLLIPOP PEOPLE - Dinosaur Power Tour 2009
20.03. Berlin – Supamolly w/ The Great Bertholinis
21.03. Rostock - Jaz
22.03. Bremerhaven - Pferdestall
23.03. Köln - Sonic Ballroom
24.03. Frankfurt - Das Bett
25.03. Erfurt – Stadtgarten w/ The Great Bertholinis
27.03. Wien - Ostclub
28.03. Steyr - Röda
29.03. Prag - Cross Club
31.03. Leipzig - NBL
01.04. Nürnberg - Muz
02.04. Wetzlar - Franzis
03.04. Halle - La Bim
04.04. Offenbach - Waggon
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